Kinderleben -Eine Zukunft für Strassenkinder in Mae Sai
Bericht von Sissy kurz vor dem Abschied als Volontärin im Projekt (10.04.02)
Inzwischen bin ich fast drei
Monate hier und mein Rückflug
geht bald. Ich habe in der Zeit
hier eine Menge lernen dürfen
und eine Vielzahl von Erfahr-
ungen sammeln koennen.
Eigentlich beginne ich mich erst
 
jetzt “richtig” einzuleben, mehr
von der Situation hier zu erleben
und einiges zu verstehen. Ich
bekomme engeren Bezug zu den
Kindern, was natürlich auch sehr
seine Nachteile hat, da die Tren-
nung dann noch schwerer faellt.
Vor allem die Waisen sind sehr anhänglich, ist ja auch verständlich, da es für sie sicher nicht leicht ist, wenn
die Anderen über das Wochenende mal nach Hause fahren und sie hier alleine zurück bleiben. Es zerreisst
mich dann manchmal, wenn sie mich mit grossen, treuen Augen fragen, ob ich auch nach Hause gehe und
dann, noch bevor ich antworten kannn, selbst sagen “nein,nein, du gehst nicht…”
Ich versuche die letzten Wochen so intensiv wie möglich zu erleben und die Zeit scheint im moment zu verflieg-
en. Trotz allem gehe ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge nach Hause, denn ich freue mich auch
sehr in meine Heimat zurück zu kommen, die ich jetzt sehr zu schätzen weiss und mich fast schäme, wie sehr wir unseren “Luxus” so oft verschwenden oder leichtsinnig mit umgehen, wie egoistisch viele Menschen sind.
Die Kinder hier tragen so viel Freude und Liebe in sich, dass ich von ihnen lernen kann. Viele haben schlimme
Schicksale hinter sich, die ich auch erst nach und nach erfahre, haben aber niemals ihr Lächeln verloren.
Mir wird erst hier bewusst, welche Nichtigkeiten bei vielen zum riesen Problem werden.
Hier wird nicht darüber gestritten, ob es heute
abend Spaghetti, oder Kaviar gibt, wer den
schöneren, teureren Schmuck trägt. Es gibt
täglich 3 mal Reis mit Gemüse und das wissen
sie zu schätzen und die kleinen Ausnahmen mit
Früchten oder Süssigkeiten noch mehr.
Die Kinder teilen meist ohne Aufforderung und kümmern sich rührend umeinander.

Das bewundere ich hier schon die ganze Zeit. Natürlich kann es bei einigen Sachen auch mal zum Streit kommen, aber das regelt sich schnell wieder.

Kommunikation Ich fühle mich hier mittlerweile richtig wohl und habe neue Freunde gewonnen.
Obwohl ich momentan die einzigste Volunteerin aus dem Ausland bin, fühle
ich mich selten Einsam, auch wenn ich mit niemanden in meiner Sprache
richtig reden kann, sondern die Kommunikation mit Thai und Englisch
klappen muss, wobei hier nicht alle Englisch sprechen! Doch auf diesem
Wege lernt man die Sprache am besten, wobei ich sie immer noch als sehr
schwer empfinde.
Und es mich manchmal zum verzweifeln bringt, wenn ich etwas sagen, fragen oder ausdrücken möchte, mich
aber niemand versteht, dass kann ich dann nur wieder mit einem Lächeln besänftigen und den typisch
thailaendischen Satz “ Mai pen rai” (Mebbelei) sagen, dass so viel wie “macht nix” oder “egal” bedeutet.
Was ich aber noch schlimmer finde, ist dass ich in der Kommunikation mit den Kindern sehr begrenzt bin.
Auch wenn ich mich bemühe zu lernen, reicht es nicht, um die wirklichen Probleme der Kinder zu erfahren
oder ihnen tiefergehend zu helfen. Von daher rate ich jedem Volunteer, wenigsten ein bisschen die Sprache
vorher zu lernen. Doch die Herzlichkeit und Unterstützung der thailaendischen Volunteere hilft mir sehr und
sie bringen mich immer wieder zum lachen. Ich weiss schon jetzt, dass ich nahezu alles und Jeden in Childlife
vermissen werde und hoffe, dass ich nächstes Jahr wieder kommen kann.
Geschenke In den letzten Wochen gab
es viele neue Sachen für die Kinder.
Bernd hat aus Deutschland einen ganzen
Koffer mitgebracht, mit Kuscheltieren,
Malsachen, Luftballons, etc. Für jeden war etwas dabei, wobei es natürlich nicht einfach ist, alles gerecht aufzuteilen
Doch Als “Illa” traurig war, warum ihre Puppe denn keine Kleider an hat, haben wir ihr einfach schnell
welche aus Stoffresten gebastelt und Aeh hat ihr dann später etwas richtiges genäht….so lässt sich dann
alles zum guten wenden. Die Kinder haben sich total gefreut und haben sich sowieso sehr schnell mit Bernd angefreundet, dafuer, dass er nur zwei Wochen hier war, waren sie schnell anhänglich und verloren ihre Scheu schnell. Auch eine Thailaenderin, Freundin von Ngaow hat die letzte Zeit vieles gebracht, ein paar
Kleider und letztens ein paar Spielsachen. Die Wasserpistolen sind bei der Hitze hier natuerlich der Renner.
Doch egal was es ist, sie wissen alles zu schätzen und spielen trotzdem liebend gerne weiter mit ihren, aus
Erde geformten Kugeln verschiedenste Spielchen, die sogar mich begeistern *g* Man kann sie stundenlang
beobachten, auf was für Ideen sie kommen, wenn eben keine Spielsachen da sind. Auch Bernd saß oft draussen und genoß die Ruhe, Stimmung und das immer wiederkehrende Gekichere der Kinder.
Zuwachs Die letzte Zeit gibt es immer mehr Kinder, die zu Childlife wollen, oder die Eltern möchten sie hier
hin bringen. In der letzten Woche haben wir wieder 5 neue Kinder bekommen, denn es ist schwer oder
quasi unmöglich sie einfach wieder weg auf die Strasse zu schicken. Vor allem ist es schön zu sehen, wie
die Kinder hier leben können.
Einen neuen Jungen zum Beispiel “Agoo”, haben wir ein paar Tage vorher an der
Brücke mit den anderen Strassenkindern gesehen. Er hat eine Behinderung an
seinem linken Bein und ist damals in dem dreckigen Grenzfluss herumgeschwommen.
Er hatte kein zu Hause, war verdreckt und musste sich Essen erbetteln. Mittlerweile
hat er sich schon gut integriert und lächelt nahezu immer wenn man zu ihm schaut.
Gerade weil immer mehr Kinder und Anfragen kommen, bin ich ueberglücklich,
dass die Kinder hoffentlich bald ein neues und grösseres zu Hause haben werden.
Deshalb bete ich, dass weiter
genügend Spenden für das
neue Projekt eingehen, damit
es möglichst schnell
verwirklicht werden kann.
Mein erstes trauriges Erlebnis Das erste, doch fuer mich nicht ganz so schlimme Ereignis, da ich keinen
Bezug hatte, war die Todesfeier eines 7jaehrigen Mädchens, dass an Aids gestorben ist. Die Mutter ist
auch infiziert, lebt aber noch. In Thailand gibt es eine meist dreitägige “Todesparty”, die um so wohl-
habender die Menschen sind, um so grösser ist. Diese Familie hatte nicht viel Geld, die Feier war klein,
doch ich durfte bei der Zeremonie mit den Mönchen dabei sein und es war für mich eine neue und auch
schöne Erfahrung. Doch ist es erschreckend, wie viele Kinder schon infiziert sind, und wie verantwortungs-
los die Eltern meist sind.
Was mich aber sehr betroffen hat, war der Verlust eines Mädchen wieder
an die Strasse. Sie heisst “Gadoe” ist 13 Jahre alt und war hier im Haus,
als ich ankam. Ihre Mutter hat erneut ein Baby bekommen und jetzt muss
sie wieder auf die Strasse zum betteln. Ich war an der Brücke, habe sie
gesehen, sie war sehr scheu, hat sich nur zögernd zu mir getraut, da
mehrere Mütter in der Nähe waren. Ich habe sie gefragt wie es ihr geht, sie
schaute auf den Boden und sagte “nicht gut”, dann ist sie wieder gegangen.
Für mich war und ist es erschreckend, wie hilflos wir in Wirklichkeit sind, dass wir in solchen Situationen
einfach nichts machen können. Das verletzt mich, wobei ich ja noch den meisten Abstand dazu habe. Sie
war einer der ersten Kinder, die mir einen kleinen Brief geschrieben hat, in dem etwa stand: “Hallo Pi Ohn,
ich hab dich lieb, bitte gehe nicht wieder nach Hause, hab dich lieb, nicht gehen. Tschüss Gadoe.” Und jetzt
ist sie noch vor mir gegangen.
Zum Abscluss: Ich kann es nicht in Worte fassen, was ich hier erlebe, welche Eindrücke ich hier gewinne.
Das wird mir jeder bestätigen, der hier war und die Kinder, die Menschen gesehen hat. Ich bin froh, dass es
Menschen gibt, die für andere einstehen und von sich etwas geben.
Ich bewundere Ngaow und die einheimischen Volunteere sehr um ihre Arbeit und Aufopferung. Man darf
nicht vergessen, dass sie kein Geld verdienen, dass heisst kein Urlaub, keine teuren Kleider, Kino, private
Genussmittel, etc. sind ist fast ausgeschlossen. Das ist mir auch erst hier bewusst geworden.
Genauso aber auch Anna-Maria und Bernd Fiedler, die sich ohne wenn und aber bemühen Geld für die
Kinder in Mae Sai zu bekommen, damit sie ein besseres Leben, eine Zukunft haben. Natürlich auch alle,
Mitglieder und Spender, ohne die das ganze nicht funktionieren würde. Ich erlebe hier wie sehr das Geld
gebraucht wird und hoffe, dass es immer Menschen geben wird, die ein wenig von ihrem Leben oder Geld
geben, um den Kindern eine Zukunft zu bieten. Ich danke allen, dass ich diese Ehrfahrung machen durfte,
den Kindern ein wenig Freude bereiten durfte und helfen konnte.
Ich weiss jetzt, dass man viel erreichen und bewegen kann, wenn man nur
will. Schade, daß es für mich quasi unmöglich ist, meine Eindrücke und
Erlebnisse in vorstellbare Bilder zu fassen. Dazu ist es nicht nur zu viel,
sondern einfach oft unbeschreiblich. Aber der Ein oder Andere wird es ja
sicher selbst erfahren dürfen und dann wie ich hier sitzen und versuchen
es in Worte zu fassen….. Möchte zum Schluss auch nur den Satz erwähnen,
den Jens Kronberg, in seinem Bericht erwähnt hat:

“The little you can do, is a lot, you simply have to do it!”
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