Kinderleben
-Eine
Zukunft für Strassenkinder Partnervon
"RASMI"(Rural and Social Management
Institute) für
das Projekt "Schule des Lebens"
Rita
Haberkorn: Impressionen zu meinen Begegnungen mit den Kindern
vom 21. - 31. Oktober 2003 in Joy's House und auf der Farm "Suan Suoi Fha
Sai"
Rituale: "Sawasdee kha, my name is ..., nice
to meet you". So steht jedes einzelne der Kinder
vor mir, begrüßt mich bei unserer ersten Begegnung und erwartet die entsprechende
Antwort
von mir. Kein "Hallo" im Vorbeigehen, sondern ein aufmerksames Zuwenden dem
Einzelnen macht
deutlich, worum es in diesem tief verankerten Ritual geht: Zeit für den Anderen.
Freundlich
sind sie alle, zunächst eher die äußere Distanz
wahrend, und das ist wohltuend und überfordert keine Seite.
Vierzehn Tage später erlebe ich, dass bei der Verabschiedung
viele Kinder das Ritual ergänzen, weil sie neben der ange-
nehmen Freundlichkeit mehr ausdrücken wollen. Nicht nur die
Verbeugung hat jetzt ihren Platz, Umarmungen und Sätze be-
sonderer Sympathiebezeugungen kommen hinzu. Ein achtungs-
voller Umgang wird bereits in der ersten Begegnung von den
Kindern gestaltet, setzt Maßstäbe und hält für die Dauer des Aufenthalts an.
Diese Erfahrung ist nicht ohne weiteres auf unsere Kultur zu übertragen
und dennoch unter-stützt sie mein Anliegen, Begrüßungs- und Abschiedsrituale
mehr zu achten und auch kurzen Begegnungen mehr Aufmerksamkeit zu schenken.
Das nehme ich mit. Tanz und Musizieren - eine Einladung zum Mitmachen:
Im Alltag auf der Farm
begegne ich singenden, fröhlichen Kindern in kleinen Gruppen. Es sind in der
Regel Mädchen, die
sich hier eher unbefangen zeigen. Gleichzeitig höre ich aus immer der gleichen
Richtung die
Übungen von Ajä, der die alten Zupfinstrumente aus thailändischer Tradition
erlernen will. Und
bei besonderen Anlässen sind es die Jungen, die diese und die Rhythmus-Instrumente
spielen.
Sie haben lange mit Teacherboy, ihrem Betreuer, geübt und er steht ihnen zur
Seite, wenn sie
an einem Abend vorspielen. Die Mädchen da-gegen üben sich im Thai -Tanz. Es
gehört zu ihren
Tugenden, die Grundzüge dieser Tänze zu beherrschen. Joy und ihre älteste Tochter
üben mit
den Mädchen, oder diese tun es alleine. Und der Stolz ist in den strahlenden
Gesichtern zu
sehen, wenn sie hin und wieder ihre besondere Garderobe anziehen und mit den
langsamen
Bewegungen des Körpers schon ziemlich gekonnt die Musik nachzeichnen. Ob sie
bereits die
Bedeutung der Bewegungen kennen, konnte sich mir nicht erschließen. Aber muss
man gleich alles auf einmal können und wissen? Sie leben ihre Kultur oder die,
zu der sie jetzt gehören und
identifizieren sich damit. Nicht
lange wird der Gast auf die Rolle des Zuschauers festgelegt,
sehr rasch lockert sich die Atmosphäre und die Kinder gehen
auf Gäste zu. Eigentlich hat niemand eine reelle Chance, auf
dem Platz zu verweilen. Die Freude und Überzeugungskraft
erweicht auch den letzten Tanzmuffel irgendwann, und bald
stehen alle auf dem Platz und versuchen sich nach der Musik
zu bewegen. Es wird niemand ausgelacht aber alle haben
ihre Freude - wenigstens einen Tanz sollte man schon durch-
halten. Aber die Kinder sind gnädig und nehmen freundliche
Absagen ernst. Andere Erwachsene finden ihre Freude am
Tanz.
Jungen und Mädchen zeigen ihre Grazie gleichermaßen, aber irgendwann darf
dann die
Musik auch andere Tänze zulassen und das ist dann die Chance der Gäste, den
Tanz vorzugeben
und die Kinder einzubeziehen. Gäbe es vergleichbare Freude ohne die Kinder auf
der Farm? Ferien und Arbeiten schließen sich nicht aus: Die
Zeit ohne Schule schenkt den
Kindern viel Gestaltungsspielraum. Dennoch habe ich nie Kinder gelangweilt erlebt
oder fragend:
"Was soll ich jetzt tun?" Die Farm bietet genügend Auslauf, Spielmöglichkeiten
in der Natur, und
die wenigen Spielgeräte wie z.B. das Federballspiel werden gerne genutzt. Den
achtjährigen Mod
beobachte ich, wie er im Gras liegend mit Steinen ein geometrisches Muster legt
und daran
Rechen- und Zählaufgaben entwickelt. Er lässt sich nicht stören und bleibt bei
der Sache, bis er
sie offenbar zufrieden selbst beendet. Aber die Kinder helfen auch mit, die
notwendigen Arbeiten
auf der Farm zu erledigen. Mit ihrem Lehrer bauen sie ein Gemüsebeet an. Die
welken Blätter auf
der weiten Rasenfläche werden aufgesammelt, der Boden gefegt, und bevor
die neuen Gäste
kommen, wird noch schnell ein kleiner Blumengruß gepflückt. Dankbar nehmen sie
die Freude der
Fremden und deren Anerkennung entgegen. Kleine Gruppen begleiten auch die Gäste
zu Aus-
flügen, wenn Joy sie leitet und sie gerade diese Kinder in ihrer Nähe haben
will oder diese sie
suchen.
Auch das Lernen geht weiter. An den phantasievollen Zeichnungen von Teacherboy
mit Begriffen
in zwei Sprachen kann ich ablesen, was die Kinder dazugelernt haben, und sie
sind stolz, mir alles
zu erklären und ihr Wissen anzubringen.
Zwischen
Freiheit und Verbindlichkeit -
die Kinder suchen und finden ihre Orientierung
Joy betreut nicht nur die Kinder, sie hat diese
wie eigene Kinder angenommen, für die sie bedingungslos da ist. Sie sieht es
als ihre Aufgabe an,
ihnen im Hier und Jetzt zu helfen und sie bei der Bewältigung von Vergangenem
zu unterstützen,
sie auf ihrem Weg zu begleiten und ihnen eine Perspektive mitzugeben. Gleichzeitig
bietet sie ihr
Leben und ihre große Familie als einen Entwurf an, an dem sich die Kinder
orientieren können.
Joy
kennt die Biographien der Kinder und weiß, was sie zu ver-
arbeiten haben, sie weiß aber auch, was diese Kinder stark
gemacht hat. Weil Joe, Nai und Long im Urwald überlebt haben,
sind sie die geeigneten Begleiter, um Gäste auf deren Trekking-
Tour durch dieses Terrain zu führen und gemeinsam mit Teacherboy die essbaren
Pflanzen zu erklären oder auf Tiere
aufmerksam zu machen, an denen wir sonst achtlos vorbei
gehen würden. Dass vereinzelt Kinder nachts einnässen oder
andere Probleme haben, wird verstanden, aber nicht dramati-
siert. Man stelle sich die Gruppe dieser mittlerweile 22 Kinder
mit
ihren individuellen Erfahrungen in einem 'normalen' Wohnhaus vor - ich bin sicher,
man würde
eine Reihe therapeutischer Unterstützungen brauchen, um das Zusammenleben einigermaßen
zu
bewerkstelligen. Anders ist es auf der Farm. Hier sind es vor allem die Natur
und die Weite des
Geländes, die das Wohlbefinden beeinflussen. Die Kinder scheinen in der Gruppe
ihren Platz ge-
funden zu haben, sie können sich mit den anderen treffen aber genau so gut aus
dem Weg
gehen, ungestört für sich sein oder einzelne Gruppenmitglieder aufsuchen, mit
denen sich schon
so etwas wie eine Geschwisterfreundschaft entwickelt hat. Es sind die Erwachsenen,
die über-
legt und oder einfach menschenfreundlich den Kindern begegnen und im Zusammenleben
deren
Entwicklung unterstützen. Hier ist es Joy, die sich den Kindern als Orientierung
und Mutter an-
bietet, die es aushält, dass einige Kinder auf längere Zeit kaum von ihrer Seite
weichen. Joy ist
freundlich aber bestimmt, dabei bleibt sie meist ruhig und konzentriert. Es
gibt immer wieder kurze
Gespräche mit einzelnen Kindern, die kleine Situationen klären. Mir fällt auf,
wie stark beide Seiten
darin sind, den Augenkontakt zu halten. Am Ende habe ich mich gefragt, wie die
Kinder auf der
Farm leben würden, wenn es nicht hin und wieder Gäste gäbe, die auch ihre Aufmerksamkeit
suchen. Ich glaube nicht, dass Kinder und Gäste sich stören, aber ich bin sicher,
dass beide
Seiten sich in ihrem Alltag bereichern. Sowohl die Gäste als auch die Kinder
können sich aus dem
Weg gehen, ihren eigenen Tag gestalten und manchmal etwas gemeinsam tun - ich
habe es nur
als Vergnügen erlebt. Und ich bin sicher, auch Joy's House hat mit dieser Belebung
atmosphärisch
gewonnen.
Rita
Haberkorn
Geschäftsführerin im Institut für den Situationsansatz der Internationalen
Akademie für innovative
Pädagogik, Psychologie und Ökonomie (INA gGmbH) an der Freien Universität
Berlin
und Dozentin an der Fachschule für Sozialpädagogik, Wiesbaden